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70 Jahre Kriegsende: Warum wir das Leben der Großeltern erforschen müssen

Am 8. Mai ist der 70. Jahrestag des Kriegsendes. Dennoch pflanzen sich die Kriegsfolgen von Generation zu Generation fort. Die Wirkung ist zwar immer abgeschwächter, aber die Ursachen sind zunehmend weniger spürbar.

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, aber die Folgen dieser schrecklichen Jahre sind heute noch lebendig. Wir sehen zwar keine Ruinen mehr, wir sehen auf den Straßen keine Kriegsversehrten, die im Rollstuhl sitzen. Aber die Folgen des Krieges wirken bis in die vierte Generation hinein. Die Wirkung schwächt sich zwar immer mehr ab, aber gleichzeitig sind die Ursachen für uns nicht mehr erkennbar. Das ist die Erkenntnis des Großelternforschers Wolfgang Krüger. Er schreibt in seinem Buch ‚Die Geheimnisse der Großeltern‘, in fast jeder Familie gäbe es dramatische Kriegserlebnisse und traumatische Erfahrungen. Man sei nicht fähig gewesen, diese wirklich zu verarbeiten und so wurden sie verdrängt. Es wurde nicht mehr darüber geredet und schließlich  wurde darüber noch nicht einmal nachgedacht – das Tabu war perfekt.

 

An die Stelle unsäglichen Leidens und ständiger Angst und Ohnmacht trat das Schweigen. Dadurch entstanden emotionale Defizite, man hatte in den Familien keinen Zugang mehr zu Ängsten und gleichzeitig waren Gefühle von Zuversicht und Hoffnung beschädigt. Dies Schweigen war schwer zu durchbrechen, weil sich die gesamte Gesellschaft daran beteiligte. Nur selten wurden jene Überzeugungen, die im Nationalsozialismus wirksam waren, sprachlich weitergegeben. ‚Man muss immer tapfer sein‘, hieß es dann, wenn Kinder kränkelten. Manchmal wurden Überzeugungen auch im Beziehungsverhalten weiter gegeben. Eltern reagierten dann mit einem kränkenden Rückzug, wenn ihre Kinder in der Schule nicht perfekt waren. Aber meist wurden Kriegsereignisse durch Stimmungen weitergegeben.

 

Entscheidend war hierbei vor allem alles, was fehlte: tiefe Leidenschaft, Gefühle der Unbekümmertheit, aber auch der Trauer. Deshalb wirkten die 50iger Jahre so oberflächlich und hohl. Und noch heute berichten Enkel davon, dass ihr Leben wie in Watte verläuft, obgleich sie erfolgreich sind. Das ist oft eine typische Spätfolge des Krieges, von Flucht und Vertreibung. Deshalb ist es so entscheidend, dass wir die Geheimnisse der Großeltern erforschen. Wir müssen ihr Schweigen aufheben und uns die verschütteten Kräfte wieder aneignen. Aber wir müssen darüber hinaus auch die Lebensleistung der Großeltern würdigen, sonst verdüstern wir  ihr Leben. Wir müssen uns daher auf eine große Forschungsreise begeben. Dann begreifen wir, welche Familienbotschaften und Familienwerte unser Leben bis heute prägen. Und wir sehen, welche Familienschätze es gibt. Es ist das Wissen der Großeltern, es ist ihre Fähigkeit, auch schwierige Situationen zu überstehen. Erst wenn wir das Leben der Großeltern auf diese Weise erforschen, haben wir die Folgen des Krieges aufgearbeitet und können mutig die Zukunft bewältigen.

 

Dr. Wolfgang Krüger, kostenloser Abdruck – auch auszugsweise – bei  Erwähnung des Buches

‚Die Geheimnisse der Großeltern‘, BOD Verlag        krueger-berlin@web.de

Das Wissen um die eigenen Großeltern steigert die Lebensqualität: 
Alice Schwarzer, Sartre und Karl May – die Dramen der Großelternkinder
Das Leben von Alice Schwarzer, Sartre, Gorki, Karl May, Loriot und Bertrand Russell wurde entscheidend davon beeinflusst, dass sie Großelternkinder waren. Sie hatten das Glück, dass es ihnen bei der Großmutter, dem Großvater gut ging. Bei Alice Schwarzer war es der Großvater, der ihr das tiefe Wissen mitgab, dass auch Männer Menschen seien. Dass manche Männer mütterlicher sein können als manche Frauen. Doch auch Alice Schwarzer gibt zu bedenken, dass das Aufwachsen bei den Großeltern anders ist als bei den Eltern. Sie hätte sich daher eine richtige Mutter gewünscht. Denn es liegt immer eine dramatische Krise vor, wenn das Kind bei den Großeltern aufwächst. Eltern sind gestorben oder überfordert. Ihre Mutter sei ohne Talent zur Mütterlichkeit gewesen, erinnert sich beispielsweise Alice Schwarzer. Die Mutter habe sie sogar abtreiben wollen. Dies hinterlässt lebenslängliche tiefe Spuren. Nicht nur im Leben von Sartre ist daher die Problematik des fehlenden Vaters und der überforderten Mutter deutlich zu sehen. Und spannungsfrei ist das Aufwachsen bei den Großeltern nicht. Der Schriftsteller Zwerenz beschreibt, wie eifersüchtig seine Mutter auf die Großeltern war. Alle Großelternkinder haben deshalb eine massive Verunsicherung erlebt, auf die sie eine Antwort finden müssen. So fand Alice Schwarzer einen  offensiven Weg, der deutlich die Spuren früherer Kränkungen trägt. (mehr dazu im Buch ‚Die Geheimnisse der Großeltern)
Kostenloser Abdruck bei Erwähnung des Buches ‚Die Geheimnisse der Großeltern – Unsere Wurzeln kennen, um fliegen zu lernen“ BOD Norderstedt, 9,80 Euro
Rezensionsexemplare und Interviews: krueger-berlin@web.de

 

Die Bedeutung der Großeltern

Für die seelische Entwicklung der Kinder sind die Großeltern unverzichtbar. Die meisten Kinder erleben heute mindestens drei Großeltern. Die beste Beziehung besteht im Allgemeinen zur Großmutter mütterlicherseits.

  • Großeltern sind die beste Krisenfeuerwehr, wenn es Konflikte im Elternhaus gibt, wenn Eltern krank sind, sich trennen oder wenn ein Geschwister geboren wird. Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche eher seelisch erkranken, wenn die Großeltern bereits verstorben sind.
  • Die Großeltern sind meist ein Ort der Geborgenheit, sie sind wichtig für die seelische Stabilität der Enkel.
  • Großeltern müssen nicht mehr erziehen, sie haben mehr Geduld, können besser zuhören, sich in die seelischen Nöte der Enkel hineinversetzen.
  • Großeltern sind oft Vorbilder der Lebensgestaltung, sie zeigen uns, wie man auch Krisen und Schwierigkeiten bewältigen kann.
  • Großeltern sind oft wunderbare Lehrer. Sie sind ruhiger als die Eltern und in der Lage, sehr geduldig Wissensinhalte zu vermitteln. Deshalb sind die Schulleistungen, vor allem der Sprachschatz von Kindern wesentlich besser, wenn sie gute Großelternbindungen haben.

Doch wir müssen nicht nur diese Familienschätze erkennen. Wir müssen auch das Leben der Großeltern erforschen. Denn jeder von uns ist geprägt durch die Beziehung zu den Großeltern. Ihr Schicksal müssen wir kennen, um die Familiengeheimnisse und Familienaufträge zu entschlüsseln. Erst dann sehen wir, wie vieles über Stimmungen, über das Schweigen, über nicht-gelebtes Leben weitergegeben wurde. Erst dann können wir uns jene Kräfte aneignen, die in den Familiengeheimnissen gebunden waren und unsere Orientierung behinderten.

 

Die Liebe gelingt, wenn wir uns selbst erkennen…

Warum wir die Geheimnisse unserer Großeltern erforschen müssen

Wie gelingt eine Partnerschaft? Mit 20 Jahren ist man oft überzeugt, dass man nur die Richtige, den Richtigen finden muss. Doch bereits mit 30 Jahren spürt man, dass man mitunter selbst schwierig ist. Und schließlich begibt man sich oft auf die Suche nach sich selbst, nachdem man etwas älter geworden ist. Man hat begriffen, dass man eine Partnerschaft mit sich selbst beginnen muss. Sonst ist man zu oft gereizt, ungeduldig, ängstlich, man zieht sich zu sehr zurück, weil man die eigene Lebensbasis nicht gefunden hat. Letztlich müssen wir  wissen, welche schwierigen Anteile wir selbst in die Beziehung einbringen, sonst scheitert jede Partnerschaft. Dazu müssen wir uns an unsere Kindheit erinnern. Doch bald spüren wir, dass dies nicht ausreicht. Die Eltern stehen uns noch zu nahe, oft begreifen wir auch ihre Handlungen nicht. Deshalb müssen wir das Leben der Großeltern kennen lernen. Wir müssen ihre Geheimnisse erforschen, ihr Leben verstehen. Wir müssen die Familienaufträge entschlüsseln und das Schweigen überwinden. Erst dann sehen wir, wie vieles über Stimmungen, über nicht gelebtes Leben weitergeben wurde. Erst dann können wir uns jene Kräfte aneignen, die in den Familiengeheimnissen gebunden waren und unsere Orientierung behinderten.  Deshalb haben jene Menschen erheblich bessere und auch längere Partnerschaften, die sich für ihre Großeltern interessieren. Sie spüren das innere Band zu den Vorfahren, was ihnen eine ungeahnte Kraft verleiht. Auf diese Weise finden sie auch jene persönliche Stabilität, die ihnen zu einer guten Liebesbeziehung verhilft. Offenbar gelingt die Liebe dann am besten, wenn wir in dem Blick zurück unsere Zukunft sehen.

Dr. Wolfgang Krüger, kostenloser Abdruck – auch auszugsweise – bei  Erwähnung des Buches

‚Die Geheimnisse der Großeltern‘, BOD Verlag        krueger-berlin@web.de

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